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Newsletter 01.09.2026
 

Marx sagt, die Re­vo­lu­ti­o­nen seien die Lo­ko­mo­ti­ve der Welt­ge­schich­te. Aber viel­leicht liegt die Sache ganz an­ders. Viel­leicht sind die Re­vo­lu­ti­o­nen der Griff des in die­sem Zuge rei­sen­den Men­schen­ge­schlechts nach der Not­brem­se.
(Wal­ter Ben­ja­min: Über den Be­griff der Ge­schich­te
)

Lo­co­mo­ti­ve Breath

Dass die­je­ni­gen, die vorne im Füh­rer­stand der Lo­ko­mo­ti­ve sit­zen, die Not­brem­se zie­hen wer­den, ist nicht zu er­war­ten. Das Ge­gen­teil ist der Fall. Alle An­zei­chen deu­ten dar­auf­hin, dass man zu der Über­ein­kunft ge­kom­men ist, sich des im Zug rei­sen­den Men­schen­ge­schlechts zu ent­le­di­gen und es sei­nem Schick­sal zu über­las­sen. Nicht aus Un­fä­hig­keit, wie viele glau­ben, die das ak­tu­el­le Re­gie­rungs­han­deln be­wer­ten, nicht aus Bös­ar­tig­keit (was nicht heißt, dass mo­ra­li­sche Ver­kom­men­heit nicht hilf­reich ist), son­dern weil ihnen an­ge­sichts der Si­tua­ti­on keine an­de­re Wahl bleibt. Weil sich die Ge­setz­mä­ßig­kei­ten un­se­res po­li­tisch-öko­no­mi­schen Sys­tems, wie der von Ben­ja­min er­wähn­te Karl Marx ein­mal fest­stell­te, hin­ter dem Rü­cken sei­ner Ak­teu­re voll­zie­hen, alle der per­ma­nen­ten Kon­kur­renz und somit dem Zwang in die­ser zu ge­win­nen aus­ge­lie­fert sind. Der Share­hol­der, seien es große Fonds oder klei­ne Pri­vat­an­le­ger, kann nicht mo­ra­lisch han­deln. Beide sind dazu ver­dammt den Wert ihrer An­tei­le zu schüt­zen und zu meh­ren. Alles an­de­re heißt, ein schlech­tes Ge­schäft zu ma­chen. Und die Ein­gren­zung der Kli­ma­ka­ta­s­tro­phe, sowie die not­wen­di­gen Maß­nah­men, ihre Fol­gen ab­zu­mil­dern, sind eben kein gutes Ge­schäft. Bei­des würde Ko­ope­ra­ti­on statt Kon­kur­renz vor­aus­set­zen und somit das Grund­prin­zip un­se­res Wirt­schafts­sys­tems in Frage stel­len.

Dem in Rich­tung Ka­ta­s­tro­phe rei­sen­de Men­schen­ge­schlecht hat man der­weil er­folg­reich bei­ge­bracht, dass der wahre Feind nicht die­je­ni­gen sind, die die Lo­ko­mo­ti­ve mit immer ra­sen­der Ge­schwin­dig­keit in Rich­tung Ab­grund steu­ern, son­dern die aus dem Wag­gon vor oder hin­ter dem ei­ge­nen, die aus dem Ab­teil ne­be­n­an, der Sitz­nach­bar, der auch einen Teil der Arm­leh­ne für sich be­an­sprucht. Die Armen, die Flücht­lin­ge, die Elen­den, die Ge­schei­ter­ten, die Kran­ken, die Alten, die Schwa­chen, die, die ein­fach nur an­ders sind, als man selbst.

Also wird der Zug mit un­ver­min­der­ter Ge­schwin­dig­keit wei­ter rasen. Bis zum bit­te­ren Ende. Die Fens­ter sind ver­rie­gelt, die Türen zu­ge­schweißt und die Grif­fe der Not­brem­se de­mon­tiert.

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